Montag, 7. März 2011

Die ersten ziehen aus


Es war ein stiller Abschied als Gracy das Haus verließ. „Ja, sie ist heute ausgezogen. Zu ihrem neuen Freund.“ Das ging schnell, hatte sie ihren alten Freund noch vor wenigen Tagen lautstark aus dem Haus gewiesen. Glaubt man den Gerüchten, sei er eifersüchtig auf Jarrod gewesen, von dem er glaubte dieser würde Gracy unangebracht viel seiner Zeit widmen. Jarrod bestreitet alles und er bringt das durchaus einsichtige Argument vor, dass seine eigene Freundin hundertmal schöner sei als Gracy und er absolut glücklich. Es war jedoch ein donnerndes Drama als Gracys nun mehr Ex-Freund aus dem Haus flog. Jedes zweite Wort fing mit „F“ an und ein immer wieder gleicher Satz war am Ende eines jeden Argumentes Seitens Gracy zu hören: „Leave the house, right now!“ Sogar mit der Polizei drohte sie. Und so musste er verlassen, mit einem Handtuch und seiner Zahnbürste unter dem Arm das Terrain verlassen. Dabei wollte er nicht verstehen, dass nicht seine „Fehler“ der Beziehung im Weg standen, sondern vielmehr seine Person selbst, hatte Gracy doch schon längst, glaubt man wiederrum den Gerüchten, jemand anderes gefunden. Frauen suchen Männer aus. Die neue Liebe Grays‘ muss so stark sein, dass sie nicht nur ihren Freund verließ, sondern gleich das Haus, um bei ihm zu sein. Glück und Elend liegen manchmal nur wenige Stunden voneinander entfernt.
Ali verlässt in den nächsten Tagen ebenfalls das Haus. Auch hier spielt Liebe eine Rolle. „Wie soll ich mit meiner Frau in Pakistan telefonieren, wenn das verdammte Internet nicht funktioniert?“ In der Tat ist man hier wegen der Qualität der Kommunikationsmöglichkeiten verärgert, sodass der „Landlord“ versprach, dass bald Besserung eintreten wird. Aber das konnte Ali nicht überzeugen, bricht doch das Gespräch via Skype ständig in wichtigen Momenten ab.
Vielleicht sollte man erklären, dass Ali seine Ehefrau auf andere, völlig unwestliche Weise gefunden hat. In Pakistan sucht nicht die Frau ihren Mann, sondern die Familien entscheiden. Ist der Sohn in einem heiratsfähigen Alter, wird bei Freunden, Bekannten, Familie gefragt, ob sie denn nicht eine Frau für den Sohn empfehlen können. Sie muss die Tradition respektieren, den Erwartungen der Familie entsprechen und aus der gleichen Kaste kommen. Ist jemand gefunden, beginnen die Verhandlungen, in denen geklärt wird, woher die jeweils andere Familie stammt, welchen Beruf der Vater ausübt, welche Perspektive der zukünftige Ehemann hat. Sind diese Fragen zur allgemeinen Zufriedenheit geklärt, dürfen sich die Auserwählten sehen, natürlich vor der Ehe nie allein gelassen, oder wie in Alis Fall via Skype telefonieren. Die beiden haben jetzt noch ein marginales Vetorecht, wobei das Veto des Mannes stärker ist aber vor der Familie erklärt werden muss. Dann die Hochzeit. Ali feierte insgesamt 5 Tage mit hunderten Gästen und mindestens drei Mahlzeiten pro Tag. In Pakistan gibt es mittlerweile ein Gesetz, dass die Hochzeitsfeierlichkeiten beschränkt, damit die weniger situierten Familien sich, wie oft geschehen, nicht maßlos verschulden. Nein, Alis Familie hielt sich nicht dran und feierte einer der größten Hochzeiten seiner Heimatstadt. „Einer der schönsten Tage in meinem Leben und eine der ausgelassensten Partys überhaupt. Das Essen! Meine wunderschöne Frau!“ Sie soll nun nach Australien kommen und er träumt von einem eigenen Haus für beide. Das Leben wird sich für beide ändern und loslösen von Kasten- und Traditionsdenken, hat sie doch schon ein Medizinstudium begonnen, dass sie in Australien beenden will und er schon längst begonnen seine Mahlzeiten selbst zuzubereiten.

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